Fachwissenschaft und Fachdidaktik in der eigenen Veranstaltung vernetzen

Fachwissenschaft und Fachdidaktik in der eigenen Veranstaltung vernetzen

Sie lehren? Dann haben Ihnen Studierende vermutlich auch schon einmal die Frage gestellt: „Was hat das denn mit der Schule zu tun?“ Fast scheint es, als müsste jeder Inhalt, jede Aufgabe oder Fragestellung mit dem Label ‚Praxisbezug‘ gekennzeichnet sein, um diesem Anspruch genügen zu können. Von der Forderung nach einem höheren Praxisbezug gelangt man als Lehrperson schnell zur Frage „Wie schaffe ich das?“. Derzeit wird das Konzept der De-Fragmentierung als eine Möglichkeit zur Erhöhung der Praxisrelevanz des Studiums diskutiert. Doch wie kann de-fragmentierende Lehre im Lehramtsstudium umgesetzt werden?

De-Fragmentierung bezeichnet das Bestreben, der starken Trennung zwischen fachwissenschaftlichen, fachdidaktischen und bildungswissenschaftlichen Studienanteilen innerhalb der Lehrerbildung durch eine intensivere inhaltliche Vernetzung in inter- und transdisziplinären Lehr-Lern-Settings entgegenzuwirken.

Team-Teaching vs. Einzellehre – Was ist besser?

Die Lehre im Team birgt im Vergleich zu ‚Solo-Seminaren‘ viele Vorteile. Der Ertrag für die Lehrenden erhöht sich durch den fachlichen Austausch, die geteilte Verantwortung und die gemeinsame Reflexion des Lehrhandelns. Voraussetzung dafür ist selbstverständlich, dass das gemeinsame Arbeiten auf persönlicher, fachlicher und institutioneller Ebene möglich ist. Erste Erfahrungen haben gezeigt, dass Team-Teaching-Formate zudem auch in der Wahrnehmung der Studierenden zum Gelingen der De-Fragmentierung beitragen.

Als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Lehrerbildungsprojekt SKILL habe ich das Glück, Team-Teaching-Formate mit meinen Kolleginnen und Kollegen von Grund auf neu entwickeln zu können. Dies tun wir mit dem Anspruch der nachhaltigen Veränderung der Lehrerbildung. Gleichwohl ist die Implementierung dieser Formate trotz der intensiven Bemühungen aller Beteiligten nicht immer ganz einfach. Lehrdeputate, Mittelzuweisungen und die Umgestaltung von Modulkatalogen sind mitunter davon betroffen. Lehre im Team ist vielleicht die ideale, aber sicherlich nicht die einzige Möglichkeit für de-fragmentierende Lehre in der Lehrerbildung. Aus meiner Sicht kann Lehre, die den Anspruch einer curricular-inhaltlichen Vernetzung erfüllt, auch in ‚Solo-Seminaren‘ umgesetzt werden. Denn schon kleine Veränderungen können dazu beitragen, dass die vorhandene Vernetzung der Professionsfacetten noch transparenter wird.

Voraussetzungen für de-fragmentierende Lehre in ‚Solo-Seminaren‘

Grundsätzlich gilt, dass bei weitem nicht nur die Fachdidaktik, sondern eben auch die Fachwissenschaft an der Universität eine Vermittlungsfunktion innehat. Lehren verlangt, sich der eigenen Rolle im Vermittlungsprozess bewusst zu werden. Schnell wird dabei klar, dass wir als Lehrende im Lehramtsstudium einer besonderen Herausforderung ausgesetzt sind. Mit der Gestaltung unserer Seminare übernehmen wir eine deutliche Vorbildfunktion. Überspitzt formuliert könnte man sagen, dass wir mit unserer Lehre die zukünftige Schule mitgestalten. Zudem verlangt der Anspruch der De-Fragmentierung an der Universität eine ständige Reflexion des eigenen Handelns in Hinblick auf die fachlichen Bezugswissenschaften sowie eine Einordnung im Bereich der lehrerbildungsbezogenen Professionsfacetten (Fachwissenschaft, Fachdidaktik und Bildungswissenschaft). Es geht also darum, Verknüpfungen herzustellen. Vor allem zwischen Lehrinhalten, aber auf einer Meta-Ebene auch zwischen allen im Lehramt vorkommenden Studienanteilen.

Wenn die Möglichkeit zur Co-Konstruktion bei der Gestaltung vernetzender Lehre nicht gegeben ist, können verschiedene Maßnahmen angewendet werden, um als einzelne Lehrende oder einzelner Lehrender die De-Fragmentierung im Lehramtsstudium zu fördern. Zunächst sollte auf inhaltlicher Ebene überprüft werden, an welchen Knotenpunkten sich zum Beispiel die Fachwissenschaft und die Fachdidaktik treffen. Vom Interesse für die Inhalte der Bezugswissenschaft ausgehend, können Inhalte gezielter für das Lehramtsstudium ausgewählt werden.

Man nehme zum Beispiel den Fall der vernetzenden Lehre für Lehrkräfte im Fach Deutsch, konkret den Bereich Literatur. Die Fachdidaktik hat Interesse daran, in ihren Veranstaltungen literarische Texte einzusetzen, die relevant für den schulischen Literaturunterricht sind. Für mich als Fachwissenschaftlerin ist dieses qualitative Kriterium zunächst weniger wichtig. Dennoch kann ich schon durch die Auseinandersetzung mit der Frage „Warum sind qualitative Auswahlkriterien für den Bereich der Fachdidaktik wichtig, für den Bereich der Fachwissenschaft eher nicht?“ den Lernertrag für die Studierenden erhöhen, weil ich dadurch einen Raum für beide Fachperspektiven eröffne.

Mit Studierenden über solche Fragen zu diskutieren und an geeigneten Stellen die eigene Lehre für Impulse aus dem anderen Fachbereich zu öffnen, lässt sich relativ einfach umsetzen. Desto offener die Lehre für vernetzende Anteile wird, desto schneller gelange ich als Lehrende an den Punkt der Gewissensfrage:

  • „Kann ich diesen bezugswissenschaftlichen Inhalt noch einbauen?“,
  • „Habe ich das erforderliche Know-how für die Beantwortung von Fragen der Studierenden?“.
  • Kurz: „Darf ich soweit vernetzend agieren?“.

Leicht zu lösen ist das Dilemma des „Wie viel De-Fragmentierung ist gut und vertretbar?“ nicht. Es gibt jedoch ein paar Möglichkeiten, die vernetzende Lehre zu unterstützen und zu verhindern, dass man sich aus Angst, etwas falsch zu machen, noch mehr von den Bezugswissenschaften abgrenzt.

Vorschläge zur Gestaltung de-fragmentierender Lehre

Visualisierungen sind, so banal es klingt, eine einfache Möglichkeit Vernetzung sichtbar zu machen. Fachlandkarten ob in Papierform oder als Modell können dazu genutzt werden, die gelehrten Inhalte auf dem ‚Kontinent‘ der Fachwissenschaft zu positionieren und gleichzeitig Brücken zur Fachdidaktik zu bauen. Zu entscheiden, ob und wie diese Verbindungen Eingang in die Lehre finden, ist dann erst der nächste Schritt. Ebenso eignet sich eine einfache Übung wie das ‚Fadenlegen‘ dafür, die Berührungspunkte der Disziplinen von den Studierenden sichtbar machen zu lassen. Der inhaltlichen Vernetzung durch diese leicht umsetzbaren methodischen Lösungen einen Platz in der eigenen Lehrveranstaltung zuzugestehen trägt bereits einen kleinen Teil zur De-Fragmentierung bei.

Eine intensivere Vernetzungsmöglichkeit ist die Einbeziehung von Fachexpertinnen und Experten wie etwa Kolleginnen und Kollegen aus den Bezugswissenschaften. Hier bieten sich gemeinsame Diskussionsrunden im Seminar oder beispielsweise vorab durchgeführte Interviews an. Diese können den Studierenden dann im Rahmen einer Onlinelernumgebung als Text-, Audio- oder Videodateien zur Verfügung gestellt und immer wieder verwendet werden. Technisch anspruchsvoller sind die Möglichkeiten im Bereich der Virtual Mobility, wobei Life-Interviews oder Diskussionen jedoch leicht über verschiedene Web-Konferenz-Tools eingerichtet werden können.

Es bleibt die Gefahr der Fachwissenschaft oder Fachdidaktik ‚light‘, wenn de-fragmentierende Lehre von nur einem Lehrenden durchgeführt wird. Universitätslehrende sind zumeist jahrelang in einer bestimmten Fachdisziplin sozialisiert, gleichzeitig müssen sie bei der Gestaltung von Lehre für zukünftige Lehrkräfte aber über den eigenen Tellerrand hinausblicken können. Positiv betrachtet, ist der Aufbau eines Bewusstseins über die eigene Lehrkompetenz sowie die fachdidaktische und fachwissenschaftliche Durchdringung der eigenen Disziplin aber ein Prozess. Wie intensiv De-Fragmentierung in der eigenen Lehre umgesetzt wird, ist also eine Frage der fortwährenden Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Lehre in der Lehrerbildung. Wichtig ist im Grunde genommen erst einmal, sich darauf einzulassen. Weil De-Fragmentierung wirkt.

Quelle: Bildarchiv SKILL-Germanistik; Fotografin: Romina Seefried

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