Rolle von Lehr- und Lernvideos in der Vorlernphase

Lehr- und Lernvideos spielen eine zentrale Rolle beim Flipped Classroom. 

A) Vorüberlegungen

Für die Selbstlernphase bedarf es Inputmaterialien. Diese müssen nicht zwangsweise Videos sein, genauso gut können Sie Artikel, Webseiten, Audiodateien, Podcasts oder Schulbuchauszüge verwenden. Videos bieten den Vorteil, dass sie an der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler orientiert und sehr beliebt sind. Auch tragen sie zur Medienvielfalt in dem doch sehr von schriftlichen Lern- und Lehrmaterialien geprägten Bildungssystem bei.

Wenn Sie sich für Videos entscheiden, bedeutet dies nicht, dass Sie alle selber erstellen müssen. Greifen Sie gerne auf bereits vorhandene Lehr- & Lernvideos auf Plattformen wie z.B. YouTube oder Vimeo zurück. Wichtig hierbei ist, die Videos vorher anzusehen und auf Ihre Eignung zu prüfen. Wenn Sie sich für das selber Erstellen entscheiden, finden Sie unter Punkt “C) Kriterien für gute Lehr- und Lernvideos” einige Tipps.

Zusätzlich möchten wir Sie gerne auf unseren Online-Kurs “Lehr- Lernvideos? Selbst gemacht!” verweisen.

B) Einsatz von Lehr- und Lernvideos

Da sich Schülerinnen und Schüler Videos meist oberflächlich ansehen, muss das selbstständige Arbeiten mit Videos geübt werden.

Zu Beginn des Flipped Classroom-Einsatzes wird das Arbeiten mit Videos besprochen und gezeigt, wie man sich ein Video ansieht und dabei die Inhalte aktiv wahrnimmt und versteht. Hierbei zeigt die Lehrkraft unter anderem, dass man auf Pause drücken kann, um sich Notizen zu machen.  Auch weist sie darauf hin, dass Passagen, die nicht verstanden wurden, nochmals angeschaut werden können.
Eine einfache und effektive Methode, diese Prinzipien zu vermitteln, ist es, ein Video zum Falten eines Papierfliegers oder Origamis im Klassenverband zu zeigen und den Schülerinnen und Schülern den Auftrag zu geben, dies gleich nachzufalten. Meistens wird es nicht lange dauern, bis die ersten Meldungen kommen mit der Bitte, das Video zu stoppen bzw. rückzuspulen.

Gemäß dem Konzept des aktiven Lernens sollte die Vorbereitungsphase mit dem Video so aktiv wie möglich gestaltet werden. Am einfachsten gelingt dies, indem man den Schülerinnen und Schülern Aufgaben gibt, die sie lösen sollen. Dabei sollten Formulierungen wie z.B. “Schaut euch das Video an” vermieden werden, und auf solche wie “Bearbeitet folgende Aufgaben. Dabei hilft euch das Video” zurückgegriffen werden. Im Zentrum steht somit eine Aufgabe, die es zu bearbeiten gilt, das Video hilft hierbei.
Um eine pro-aktive Haltung beim Lernenden zu erreichen, empfiehlt es sich, interaktive Videos zu erstellen. Dies ist relativ unkompliziert mithilfe von H5P möglich. Dabei können Sie sowohl eigene Videos als auch schon vorhandene Videos (z.B. YouTube) verwenden (Link zur H5P Homepage).

C) Kriterien für gute Lehr- & Lernvideos

Es gibt einige Eigenschaften die gute Lehr- und Lernvideos haben sollten. Im Folgenden werden diese kurz angerissen:

  • Halten Sie sich kurz – Richtwert: 5 Minuten, nicht länger als 10 Minuten.
  • Sprechen Sie mit bewegter Stimme.
  • Wenn möglich machen Sie Videos mit einem zweiten Lehrer.
  • Fügen Sie Humor hinzu und seien Sie locker.
  • Verschwenden Sie nicht die Zeit Ihrer Schülerinnen und Schüler.
  • Fügen Sie (hand)schriftliche Anmerkungen hinzu – auch diese lockern das Video auf.
  • Fügen Sie TextBoxen hinzu, die für eine gewisse Zeit am Bildschirm auftauchen.
  • Sprechen und Veranschaulichen – die Kombination von Bild und Text führt zu besseren Lernergebnissen (lt. Richard Mayer).
  • Markieren,  unterstreichen und hervorheben von zentralen/lernrelevanten  Aussagen.
  • Auf Ablenkungen verzichten – verzichten Sie getrost auf Spezialeffekte, Hintergrundmusik, Geräusche und dergleichen.
  • Keep it short! Im Gegensatz zu Bergmann und Sams empfiehlt Brandhofer eine maximale Videolänge von 6 Minuten, Richtwert: 2-5 Minuten.
  • Strukturieren – hilfreich und lernförderlicher ist es den Stoff in kleine Häppchen zu unterteilen.
  • Eine Geschichte erzählen – versuchen Sie wenn möglich die vermittelnde Information in eine spannende und/oder emotionale Geschichte einzubetten.
  • Zum Zielpublikum sprechen – vermeiden Sie die dritte Person und sprechen Sie die Schülerinnen und Schüler direkt mit “ich” und “du” an.
  • Den Lernraum erweitern… – in dem Sie die Schülerinnen und Schüler an einen anderen Ort der Welt/Universums “entführen”.

Als einfachste Umsetzungsform für den Beginn empfiehlt es sich, einfache Bildschirmaufnahmen, sogenannte Screencasts, zu erstellen. So bietet beispielsweise PowerPoint die Möglichkeit, die Präsentation als Video aufzuzeichnen und zu speichern. Wie das funktioniert, sehen Sie im folgenden Tutorial: “Screencasts mit PowerPoint erstellen”. Weiters können Sie auch auf kostenlose Open Source Aufnahmetools wie CamStudio und ShareX zurückgreifen oder die Gratisversion von Screencast-O-Matic nutzen.

Zur optionalen weiteren Vertiefung der Kriterien können Sie sich gerne in den folgenden zwei PDF-Dateien informieren.

Bergmann & Sams [2012] Flip your Classroom

Ab Seite 44 finden Sie die genaue Beschreibung der Kriterien.

Buchner [2019] Vom Video zum Lernvideo

Ab Seite 2 finden Sie die genaue Beschreibung von Brandhofers Kriterien.

D) Was tun, wenn die Videos nicht angeschaut wurden?

Leider kommt es vor, dass Videos nicht geschaut werden. Wie kann ich damit umgehen, da Schülerinnen und Schüler ja nicht vorbereitet sind für die geflippte Unterrichtsstunde?
Die folgenden Hinweise können Ihnen dabei helfen:

  • Diejenigen Schülerinnen und Schüler müssen sich die Videos in Einzelarbeit ansehen, die Inhalte bearbeiten und anschließend der Lehrkraft die Ergebnisse zeigen. 
  • Zusätzlich kann die Lehrkraft die wichtigsten Punkte abfragen. 
  • Des Weiteren müssen die im Unterricht verabsäumten Aufgaben zu Hause als Hausübung nachgeholt werden.
Laut Bergmann und Sams realisieren die Schülerinnen und Schüler relativ schnell, dass sie dadurch die wertvolle Zeit, wo ihnen die Lehrkraft als Ressource zur Bewältigung der Aufgaben zur Verfügung steht, minimieren oder verpassen. Sie müssen daher alleine und (je nach Gestaltung der Verarbeitungsphase im Klassenzimmer) meist ohne Teammitglieder die Aufgaben bewältigen.
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